Die Grenzen des Wissens

epd-bild/Christian Ditsch Eigentlich geht es darum, ob die Kassen künftig vorgeburtliche Gentests bezahlen. Am Ende diskutiert der Bundestag über eine viel größere Frage: Ist ein Leben mit Behinderung für die Gesellschaft lebenswert? Bei der Antwort herrscht Einigkeit.

11.04.2019

Zwei Stunden lang hält die Frau auf der Besuchertribüne im Bundestag ihren Sohn fest umklammert in den Armen. Fast wirkt es, als wollte sie ihr Kind schützen vor der Debatte, die in diesen zwei Stunden am Donnerstag im Parlament geführt wird: Es geht um die Frage, ob die Krankenkassen künftig die Gen-Tests bezahlen, mit denen Trisomien erkannt werden können. Kinder wie das ihre, Kinder mit dem Down-Syndrom, könnten dann, so fürchten Kritiker, schon vor der Geburt aussortiert werden.

Es ist eine Orientierungsdebatte, in der es kaum Einigkeit gibt, weder zwischen, noch innerhalb der Fraktionen. Einigkeit herrscht bei den 38 Rednern nur über eines: Jedes Leben ist ein lebenswertes Leben. Und: Es geht bei dieser Debatte nicht nur um die Anerkennung der Tests als Kassenleistung. Es geht auch um die Frage, wie die Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung umgeht.

Kritiker warnen vor fatalen Folgen

Die diskutierten Tests geben über die Untersuchung des Blutes der werdenden Mutter mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Auskunft darüber, ob das ungeborene Kind eine Form der Trisomie hat. Darunter fällt beispielweise das Down-Syndrom. Bislang müssen werdende Eltern die Tests selbst bezahlen, die Kosten belaufen sich auf mehrere hundert Euro. Die Krankenkassen übernehmen nur die wesentlich risikoreichere Fruchtwasseruntersuchung, die bei einer von 200 Frauen zu einer Fehlgeburt führt.

Würde der Test zur Kassenleistung, hätte das fatale Folgen, warnen die Kritiker im Parlament: Kinder mit Down-Syndrom würden künftig als vermeidbares Problem angesehen, mahnt Volker Münz (AfD) in seiner Rede vor dem Plenum. Der Mensch werde auf Gene reduziert, argumentiert Stephan Pilsinger (CSU). Corinna Rüffer (Grüne) fürchtet die Förderung eines leistungszentrierten Menschenbildes.

"Inklusion statt Selektion"

Schon heute werden viele Kinder mit Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, abgetrieben. Den Menschen mit dieser Beeinträchtigung macht das Angst. Am Mittwoch hatten Dutzende von ihnen in Berlin für "Inklusion statt Selektion" demonstriert. Einige verfolgen die Orientierungsdebatte im Bundestag live. Im Gegensatz zu den ebenfalls durch die Tests erkannten Trisomien 13 und 18, bei denen viele Kinder schon tot geboren werden, erlaubt die Trisomie 21 mittlerweile ein langes Leben.

Dagmar Schmidt (SPD), Mutter eines Fünfjährigen mit Down-Syndrom, tritt an das Rednerpult. Sie ist gegen die Gen-Tests als reguläre Leistung bei Schwangerschaftsuntersuchungen. "Manche versuchen, das Thema heute auf eine soziale Frage der Gerechtigkeit zu reduzieren", sagt sie. Dabei seien viel mehr Fragen mit den vorgeburtlichen Untersuchungen verbunden: Schon bald werde es Tests geben, die das gesamte Genom des Fötus entschlüsseln können. Die werdenden Eltern hätten auch ein "Recht auf Nichtwissen", betont sie. Sie wolle eine "Willkommenskultur für alle Kinder". Nur wenige Reden erhalten so viel Applaus.

Angst vor einer Fehlgeburt

Beifall aus allen Reihen gibt es auch für Katrin Helling-Plahr (FDP), die ihr zweites Kind erwartet. Im Gegensatz zu Schmidt machte sie den Gen-Test. In ihrer Rede berichtet sie von Komplikationen in ihrer ersten Schwangerschaft, von Blutungen, von zu viel Fruchtwasser, von der Angst vor einer Fehlgeburt. "Meine Geschichte ist nicht außergewöhnlich", sagt sie. Sie habe den Gen-Test nicht gemacht, weil sie im Fall einer Trisomie 21 hätte abtreiben wollen. Die Untersuchungsergebnisse hätten ihr hingegen Sicherheit gegeben, Sorgen genommen. Die risikoreichere Fruchtuntersuchung sei keine Alternative: "Ich finde es unethisch, Risikoschwangere vor die Wahl zu stellen, entweder in Unsicherheit zu leben oder eine Fehlgeburt zu riskieren", betont sie.

Was aber, wenn der Test zur Kassenleistung würde? Würde er für alle Schwangeren bezahlt oder nur bei Risikoschwangerschaften? Muss er an eine zusätzliche Beratung geknüpft sein? Endgültige Antworten auf diese Fragen bleiben auch nach zwei Stunden Diskussion offen.