Aus der Gegenöffentlichkeit in die digitale Zukunft

epd-bild/Rolf Zoellner Die taz wird 40 – und ist vielen anderen Tageszeitungen zumindest in einer Hinsicht weit voraus.

15.04.2019

Am 17. April wird die taz 40. Hat sie diesen Geburtstag nicht schon im vergangenen Herbst gefeiert? Doch, damals ging es um die erste Nullnummer. Es dauerte dann ein halbes Jahr, bis die Berliner "tageszeitung" am 17. April 1979 in den Dauerbetrieb ging: Die alternativen, linken Gruppen, die im Protest gegen Nachrichtensperren im "deutschen Herbst" 1977 zusammengekommen waren, brauchten Zeit, ihr Organ der "Gegenöffentlichkeit" basisdemokratisch zu organisieren und zu finanzieren. Es war eine Herkulesaufgabe, eine Zeitung aus dem Boden zu stampfen, die in der ganzen alten Bundesrepublik täglich verfügbar sein sollte.

Die taz feiert sich gerne – und wird auch sonst oft gefeiert, weil bei der jungen Zeitung, die nie große Gehälter zahlen konnte, viele Karrieren begannen, die weiter zu größeren Medien führten. Mit Deniz Yücel wechselte 2015 ihr wohl polarisierendster Kolumnist zum größten Antipoden Springer. Das zeigt, dass auch die taz sich angepasst hat, vor allem aber: wie stark ihre provokante, nicht selten aus kreativem Umgang mit finanziellen Nöten geborene Machart die Medienlandschaft verändert hat. Die taz hat bewusst neue Schwerpunkte gesetzt.

"Es ist ein Mädchen"

Viele symbolstarke Geschichten gibt es über die Zeitung. Eine weniger geläufige: Ihren Sitz am damals weltberühmten Grenzübergang "Checkpoint Charlie" hat sie erst im Juni 1989 bezogen. Der Besitz dieser Immobilie, die kurz darauf nicht mehr in der Exklave West-Berlin, sondern im Zentrum einer boomenden Metropole lag, verhalf der kleinen Zeitung zu lebenswichtigen Krediten. Eine weitere Geschichte: Auf ihre heutige, laut Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch "ideale" Unternehmensform der Genossenschaft kam sie durch einen Tipp vom damaligen Justiziar des Zentralverbands deutscher Konsumgenossenschaften - dem heutigen Finanzminister Olaf Scholz (SPD).

Die taz hat die Medienlandschaft auch visuell über ihre Titelseiten geprägt. Gelungene Titel wie "Es ist ein Mädchen" (über die neue Kanzlerin Merkel) oder misslungene wie "Blühende Landschaften" (mit Helmut Kohls blumenüberhäuftem Sarg) sind nicht ganz so stark wie die der "Bild"-Zeitung, aber ähnlich im kollektiven Gedächtnis geblieben.

"Die taz verkauft ein Lebensgefühl", heißt es im hauseigenen "Zukunftsreport". Dieses Gefühl gibt es auch im "tazshop" in Form von rund 290 Produkten zwischen Filzbuch und Bienenwachs-Teelichtern zu kaufen. Schon früh war die "Tazze" ihr Erkennungszeichen, der Abdruck einer Tierspur. Doch ein einst kleiner Outdoor-Hersteller kümmerte sich früher um das Sichern von Warenzeichen und Marken als die anfangs so antikapitalistische taz: Ein zum Verwechseln ähnliches Symbol prangt heute auf Anoraks und Rucksäcken von "Jack Wolfskin" und nicht auf taz-Merchandising Produkten.

Auflagen sinken seit Jahren

In 40 Jahren stieg die 1980 gegründete Partei der Grünen, mit der die Zeitung stets verbunden blieb, zur zweitgrößten auf. Die taz hingegen hat mit den Problemen zu kämpfen, die alle gedruckten Zeitungen treffen: Die verkauften Auflagen sinken seit Jahren.

Die gedruckte Zeitung fiel im letzten Quartal 2018 auf eine Auflage von 50.771 Stück; die Zahl der E-Paper-Abos steigt längst nicht im gleichen Ausmaß. Die taz geht damit bemerkenswert offensiv um: Schon 2011 provozierte Ruch mit der These, 2021 werde es keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben. Im "Hausblog" gibt er, der von Anfang an dabei war und Ende 2019 in den Ruhestand gehen wird, transparent wie niemand sonst im Zeitungsgeschäft Einblick in die Probleme der Branche. Sein "Szenario 2022" rechnet vor, wie durch Verzicht auf das teure tägliche Drucken und Vertreiben bei Konzentration auf Wochenendausgaben und Online-Einnahmen der Gewinn sogar steigen könnte.

Freiwilliges Bezahlmodell hat offenbar Erfolg

Die theoretischen Vorteile solcher Modelle sind evident. Dass im Netz viele Qualitätsangebote auch umsonst zu haben sind, dass nur wenige Leser sich auf Online-Abos einlassen, ist ebenso bekannt. Aber die "taz.zahl.ich"-Kampagne - ein freiwilliges Bezahlmodell - hat offenbar Erfolg: Im Monat Januar brachte es der Zeitung mit 101.099,53 Euro erstmals sechsstellige Einnahmen.

Durch das Genossenschafts-Modell sei zum Crowdfunding der Aspekt hinzugekommen, "dass die Unterstützer auch als Unternehmer an der Zeitung interessiert sind", sagt Ruch. Das taz-Lebensgefühl beinhaltet Solidarität auch gegenüber dem Journalismus.

Die Genossenschaftsversammlung im September soll über ein Zukunftskonzept entscheiden. So könnte die taz 2022 vom werktäglichen gedruckten Erscheinen Abstand nehmen. Wenn der jüngsten Tageszeitung als erster der Schritt gelänge, ihre Erscheinungsform zu modifizieren und dabei digital das zu bleiben, was sie ist, dann würde die taz sich umso nachhaltiger in die deutsche Mediengeschichte einschreiben.